24 Stunden wandern – Fluch oder Segen? Hansmann PR, Fotos Text: Nathalie Müller

24 Stunden wandern – Fluch oder Segen?

24 Stunden wandern. Bergauf und bergab. Tag und Nacht. Was sich zunächst wie Folter für die Füße anhört, hat sich für netzathleten-Redakteurin Nathalie Müller als einzigartige Erfahrung herausgestellt. Ein Bericht über Wanderlust und Wanderfrust.
Eine Wanderung über 80 Kilometer und insgesamt 1.900 Höhenmeter in 24 Stunden: Das schreit nach einem Freiwilligen aus der netzathleten-Redaktion. Ich habe mich dazu bereit erklärt, die Strapazen auf mich zu nehmen und mich zu einer 24-Stunden-Wanderung am österreichischen Achensee in Achenkirch angemeldet. Es galt schließlich zu prüfen, ob an dem Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ – oder in diesem Fall der Müllers Lust – tatsächlich was dran ist. Eine gute Gelegenheit, seine Grenzen auszutesten.

Die 24-Stunden-Wanderung

LabestationStart- und Endpunkt der 24-Stunden-Wanderung ist die Mehrzweckhalle in Achenkirch. Von dort aus sind insgesamt 80 Kilometer in drei Etappen zurückzulegen: Zwei Strecken tagsüber mit jeweils 35 und 16 Kilometern  und eine 25 Kilometer lange Nachtstrecke. Auf jeder Etappe passiert man zwei Labestationen, wie die Tiroler die Verpflegungsstationen nennen. Hier können die Wanderer ihre Trinkflasche auffüllen und sich mit Wurst- oder Käsesemmeln stärken. Nach jeder Etappe gelangt man zurück zum Ausgangspunkt nach Achenkirch. Der Vorteil: Jeder kann für sich entscheiden, wann er genug hat. Wer fünf bis sechs Stunden Wandern am Stück problemlos schafft, kann also ohne Bedenken am Wanderevent teilnehmen. Der Nachteil: Ein Gipfelkreuz bekommt man auf diese Weise nicht zu Gesicht. Auf der 24-Stunden-Wanderung lautet das Motto vielmehr: Der Weg ist das Ziel. Statt hoch hinaus auf den Berg, geht es bergauf und bergab um den Berg herum.

24 Stunden wandern – Startschuss zur ersten Etappe Richtung Gufferthütte

GuffertspitzeErst ein kurzes Aufwärmtraining mit Personal-Trainer Bernhard Schwarz, im Anschluss noch ein Gruppenfoto, dann fällt pünktlich um 12 Uhr mittags der Startschuss zur 24-Stunden-Wanderung. Vor, hinter und neben mir 110 weitere Wanderlustige. Noch sind alle motiviert. Die Sonne strahlt und wir haben einen wunderschönen Blick auf die Guffertspitze und den Guffertstein. Zweieinhalb Stunden, 11 Kilometer und 390 Höhenmeter später erreichen wir bereits die erste Labestation. Die Gruppe teilt sich allmählich. Während einige noch eine Extrarunde zu in Stein eingeritzten etruskischen Inschriften drehen, wähle ich den direkten Weg. Wer weiß, was mich auf der Nachtetappe noch erwartet.

Eine gute Entscheidung. Denn nach 21 weiteren Kilometern wieder in Achenkirch angekommen, schlägt das Wetter plötzlich um. Es beginnt zu hageln. Mit den klitschnassen Wanderern, die nach und nach in der Mehrzweckhalle eintrudeln, möchte ich trotz Regenjacke nicht tauschen.

Mittlerweile ist es 19 Uhr und meine Füße lassen mich die 32 zurückgelegten Kilometer deutlich spüren. Doch nicht nur die schmerzenden Füße, sondern auch das zunehmend schlechte Wetter lässt die Wanderlust vieler Teilnehmer deutlich schrumpfen. Da nutzen auch die Spaghetti Bolognese nicht, die uns zu neuen Kräften verhelfen sollen. Einige geben auf. Kurz spiele ich auch mit dem Gedanken, doch meine Mitstreiter motivieren mich. Die Füße mit Blasenpflastern versorgt und die Stirnlampe auf den Kopf geschnallt, geht es nachts um halb elf also wieder los. Jeder Teilnehmer kann starten, sobald er wieder fit ist.

24 Stunden wandern – Die Nachtetappe um den Unnütz

Nur noch 32 Wanderer brechen ins Dunkel der Nacht auf. In der Ferne zucken noch ein paar Blitze, doch der Himmel über uns ist wieder sternenklar. Die Nachtetappe um das Bergmassiv des Unnütz gestaltet sich deutlich anspruchsvoller als die Tagesroute. Ob dies an der zunehmenden Müdigkeit liegt, oder an den steilen und schmalen Wegen, über die wir uns in der Dunkelheit wagen? Wahrscheinlich beides.

Die Gespräche werden weniger, nur noch das Bimmeln der Kuhglocken durchbricht die Stille der Nacht. Die besondere Atmosphäre der nächtlichen Wanderung lässt einen die brennenden Füße schon fast wieder vergessen. Auch der Schnaps an der ersten Verpflegungsstation trägt dazu bei, bereits humpelnde Wanderer zum Weitermachen zu bewegen. Während der Aufstieg noch erträglich ist, artet der Abstieg zur Qual aus. Meine Wanderlust wird langsam zum Wanderfrust.

Um drei Uhr morgens an der letzten Labestation angekommen, muss ich mich geschlagen geben. Die Marathondistanz von 46 Kilometern und eine schlaflose Nacht sind genug. Ich lasse mich von einem Shuttle wieder zurück nach Achenkirch fahren. In der ganzen Mehrzweckhalle verteilt, schlafen dort bereits viele andere erschöpfte Wanderer auf Isomatten. Andere brechen schon wieder zur dritten und letzten Etappe auf. Bewundernswert. Mir jedenfalls reicht‘s.

24 Stunden wandern – Fluch oder Segen?

Mein Fazit: Das Wandern ist tatsächlich der Müllers Lust. Trotz schmerzender Füße, der Müdigkeit und dem Muskelkater am nächsten Tag, überwiegt das positive Gefühl, das die 24-Stunden-Wanderung hinterlässt. Das Wandern in der Gruppe motiviert ungemein. Jeder hilft jedem, man teilt sein Leid miteinander und es entwickelt sich ein tolles Gemeinschaftsgefühl. Daneben lässt die Zeit in der freien Natur Alltagsprobleme in den Hintergrund rücken. Alles was zählt, ist einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch wenn ich nicht die ganzen 24 Stunden durchgehalten habe, um eine Erfahrung bin ich jedenfalls reicher: Man schafft oft mehr als man sich zutraut. Deshalb ist die 24 Stunden Wanderung ganz klar mehr Segen als Fluch.

Teilnehmer, ©HansmannPR

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